Was der Berliner Dialekt ist
Sprachwissenschaftler nennen Berlinerisch einen Metrolekt: eine Stadtsprache, die aus mehreren Mundarten zusammengewachsen ist. Der Boden ist das Niederdeutsche der Mark Brandenburg. Darauf legten sich ab dem 16. Jahrhundert das Obersächsische der Kaufleute und Beamten, dann das Hochdeutsche der Schule, und mit jeder Zuwanderungswelle kamen Wörter dazu: aus dem Französischen der Hugenotten (Bulette, Budike, Muckefuck), aus dem Jiddischen (Mischpoke, meschugge) und aus dem Rotwelsch der Gauner und Händler (Kohldampf, Ganove).
Man erkennt Berlinerisch an wenigen Regeln. Aus g wird j („jut", „jestern", „Jesicht"), aus ei wird ee („keen", „Beene", „meen"), aus au wird oo („ooch", „koofen", „looft"). Aus das, was und es werden dit, wat, et. Und der berühmte Akkudativ wirft Dativ und Akkusativ zusammen: „Ick liebe dir" ist kein Fehler, sondern Programm. Dazu kommt die Endung -er, die als -a gesprochen wird: ein Berliner ist ein „Berlina".
Berlinerisch Wörter: die Liste zum Verstehen
Dreißig Wörter, die du im Alltag hörst, mit Übersetzung und dem Satz, in dem sie fallen. Die Reihenfolge geht vom Nötigsten zum Vergnügen.
- icke, ick – ich. „Icke? Nee, det war ick nich."
- dit, det – das. „Dit jibt's doch nich."
- wat – was. „Wat soll dit denn?"
- Kiez – das eigene Wohnviertel, die paar Straßen, die man kennt. In Hamburg heißt so nur die Reeperbahn, in Berlin hat jeder einen.
- Schrippe – Brötchen. Wer „Brötchen" sagt, ist zugezogen; wer „Semmel" sagt, ist aus Bayern.
- Bulette – Frikadelle, vom französischen boulette. Wird kalt vom Tresen gegessen.
- Stulle – belegtes Brot, egal womit.
- Molle – ein Glas Bier. „Eene Molle und 'n Korn."
- Späti – Spätverkaufsstelle, der Kiosk, der abends und nachts offen hat. Das jüngste Wort der Liste.
- Pfannkuchen – das gefüllte Hefegebäck, das der Rest des Landes Berliner nennt. Dazu weiter unten mehr.
- Eierkuchen – das, was anderswo Pfannkuchen heißt: der flache aus der Pfanne.
- Keule – Kumpel, Bruder. Anrede unter Männern, meist freundlich.
- Atze – Bruder, enger Freund. Älter als Keule, seltener geworden.
- Göre – freches Kind, gern auch liebevoll.
- knorke – großartig. Altmodisch, wird aber wieder gesagt.
- dufte – toll, prima.
- jwd – „janz weit draußen", also am Stadtrand oder dahinter. Gesprochen „jottwedee".
- Muckefuck – dünner Kaffee oder Kaffeeersatz, vermutlich von mocca faux.
- Plörre – dünnes, schlechtes Getränk. Steigerung von Muckefuck.
- Fisimatenten – Ausflüchte, Umstände, Unsinn. „Mach keene Fisimatenten."
- Budike – kleiner Laden oder Kneipe, von boutique.
- Bammel – Angst. „Ick hab Bammel vor der Prüfung."
- Kohldampf – Hunger. „Ick schieb Kohldampf."
- Dussel – Dummkopf, meist gutmütig gemeint.
- Latschen – Schuhe, besonders bequeme oder alte.
- Schwoof – Tanzvergnügen. „Wir jehn zum Schwoof."
- Ratzefummel – Radiergummi. Auch in der Schule gehört.
- Bolle – Zwiebel. Bolle ist außerdem der Held des Liedes von der Pfingstfahrt nach Pankow.
- kieken – schauen. „Kiek ma, wer da kommt."
- jut – gut. Als „Jut is" auch das Ende jeder Diskussion.
Sätze, die du dazu brauchst: „Ick gloob, ick spinne" (ich bin überrascht), „Nu mal halblang" (übertreib nicht), „Det kannste knicken" (das wird nichts), „Haste mal 'ne Mark" (historisch, heute „'n Euro") und „Ooch dit noch" (das hat gerade noch gefehlt).
Berliner Schnauze erklärt
Die Berliner Schnauze ist nicht der Dialekt, sondern die Haltung, mit der er gesprochen wird: direkt, schnell, ungefragt, trocken. Ein Berliner Busfahrer sagt nicht „Bitte hinten einsteigen", er sagt „Hinten is ooch 'ne Tür". Der Ton wirkt auf Auswärtige unfreundlich, ist aber selten so gemeint. Die Schnauze hält Distanz und schafft Nähe im selben Satz, und wer zurückgibt, gehört dazu.
Drei Regeln, um sie zu verstehen. Erstens: Kürze ist Höflichkeit. Wer lang redet, hält andere auf. Zweitens: Meckern ist Zuneigung. Über die BVG, das Wetter und den Senat schimpft nur, wer bleibt. Drittens: Ironie ist der Normalfall. „Na, dit is ja jroßartig" heißt in neun von zehn Fällen das Gegenteil. Wer das als Beleidigung nimmt, hat die Stadt noch nicht verstanden; wer lacht, ist schon halb Berliner.
Berliner oder Pfannkuchen? Der Streit ums Gebäck
Das runde Hefegebäck aus dem Fett, gefüllt mit Pflaumenmus oder Marmelade, hat in Deutschland mindestens fünf Namen, und jede Region ist sicher, den richtigen zu haben. Die Landkarte in Kurzform:
- Pfannkuchen – Berlin, Brandenburg, Sachsen und weite Teile Ostdeutschlands.
- Berliner – Norden und Westen, von Hamburg bis ins Rheinland; oft auch „Berliner Ballen".
- Krapfen – Bayern und Österreich, dort vor allem zu Fasching.
- Kreppel, Kräppel – Hessen und Teile Thüringens.
- Fastnachtsküchle, Fasnetsküchle – Schwaben, Pfalz, Saarland.
In Berlin selbst sagt niemand Berliner, weil ein Berliner ein Mensch ist. Der flache Eierkuchen aus der Pfanne, den der Westen Pfannkuchen nennt, heißt hier Eierkuchen, damit es keine Verwechslung gibt. Die Legende, John F. Kennedy habe sich 1963 mit „Ich bin ein Berliner" als Gebäck bezeichnet, ist vor allem deshalb Unsinn: In Berlin hätte den Satz niemand so verstanden. Zu Silvester gehört der Pfannkuchen fest dazu, und wer Pech hat, erwischt den einen mit Senf statt Mus.
Berliner Pfannkuchen Rezept: einfach und ohne Fritteuse
Für etwa zwölf Stück. Ein hoher Topf reicht, eine Fritteuse ist nicht nötig; ein Küchenthermometer hilft, ist aber ersetzbar durch den Holzlöffel-Test.
Zutaten: 500 g Mehl (Type 405 oder 550), 1 Würfel frische Hefe (42 g) oder 1 Päckchen Trockenhefe, 250 ml lauwarme Milch, 60 g Zucker, 60 g weiche Butter, 2 Eier, 1 Prise Salz, 1 Päckchen Vanillezucker, 1 Liter neutrales Öl zum Ausbacken, etwa 200 g Pflaumenmus oder Marmelade zum Füllen, Zucker zum Wälzen.
- Vorteig. Hefe in der lauwarmen Milch mit einem Löffel Zucker auflösen, in eine Mulde im Mehl geben, mit etwas Mehl bedecken und 15 Minuten stehen lassen, bis es Blasen wirft.
- Kneten. Restlichen Zucker, Butter, Eier, Salz und Vanillezucker dazugeben und 8 bis 10 Minuten kneten, bis der Teig glatt ist und sich vom Schüsselrand löst. Abgedeckt an einem warmen Ort etwa eine Stunde gehen lassen, bis er sich verdoppelt hat.
- Formen. Teig auf bemehlter Fläche etwa 2 cm dick ausrollen, Kreise von 8 cm ausstechen oder Kugeln von 60 g formen. Auf ein bemehltes Tuch legen und nochmals 30 Minuten gehen lassen.
- Ausbacken. Öl im Topf auf 170 bis 175 Grad erhitzen; am Holzlöffelstiel müssen sofort kleine Bläschen aufsteigen. Pfannkuchen mit der Oberseite nach unten ins Fett geben, Deckel auf den Topf, 2 bis 3 Minuten backen, wenden, ohne Deckel weitere 2 bis 3 Minuten. Der Deckel macht den hellen Ring in der Mitte.
- Füllen. Auf Küchenpapier abtropfen lassen, kurz abkühlen, dann mit einem Spritzbeutel und langer Tülle von der Seite Pflaumenmus einspritzen. Noch warm in Zucker wälzen oder nach dem Auskühlen mit Puderzucker oder Zuckerguss bestreichen.
Die zwei häufigsten Fehler: zu heißes Fett (außen dunkel, innen roh) und zu wenig Gehzeit (dicht und schwer). Wer den Teig am Vorabend ansetzt und im Kühlschrank gehen lässt, bekommt ihn am Morgen feiner.
Was einen echten Berliner ausmacht
Berlin war nie eine Stadt, in der man nur hineingeboren wird. Um 1700 war jeder fünfte Einwohner Hugenotte, im 19. Jahrhundert kamen Schlesier und Ostpreußen, nach dem Krieg Gastarbeiter, nach der Wende halb Deutschland und heute die halbe Welt. Der „echte Berliner" ist deshalb weniger eine Herkunft als eine Prüfung, die man im Alltag ablegt:
- Er sagt Pfannkuchen und Schrippe, und wenn er es nicht sagt, weiß er wenigstens, warum die anderen es sagen.
- Er hat einen Kiez und verlässt ihn ungern. Der andere Bezirk ist Ausland.
- Er meckert über die Stadt, die BVG und den Flughafen, und verteidigt alle drei sofort, wenn ein Auswärtiger dasselbe sagt.
- Er kennt den Späti an der Ecke mit Namen und den Betreiber mit Vornamen.
- Er hält die Schnauze aus, ohne beleidigt zu sein, und gibt zurück.
- Er sagt Prenzlauer Berg, nicht Prenzlberg, und Kreuzberg 36, wenn er es genau meint.
Wer vier von sechs Punkten erfüllt, darf sich echt nennen. Wer alle sechs erfüllt und trotzdem in Stuttgart geboren ist, ebenfalls; das ist die Regel dieser Stadt seit den Hugenotten.
Wörterbücher und Quellen
Wer tiefer will, findet hier die Nachschlagewerke, aus denen sich das Wissen dieser Seite speist. Alle Links führen ohne Partnerprogramm zu den Originalseiten.
- Berliner Dialekt – Wikipedia, mit Geschichte, Lautlehre und Literaturliste
- Berliner Schnauze – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache
- Berliner Mundart und Sprüche – Berlin.de
- Berliner Wörterbuch A–Z – Berlinstadtservice
- Berliner Pfannkuchen – Wikipedia, mit der Namenskarte
Häufige Fragen zum Berliner Dialekt
Ist Berlinerisch überhaupt ein Dialekt?
Sprachwissenschaftlich ist Berlinerisch ein Metrolekt: eine Stadtsprache, die aus mehreren Mundarten und dem Hochdeutschen zusammengewachsen ist. Die Basis ist das Niederdeutsche der Mark Brandenburg, darüber liegen Obersächsisch, Hochdeutsch und Lehnwörter aus dem Französischen, Jiddischen und Rotwelschen. Im Alltag sagt trotzdem jeder Dialekt, und das ist in Ordnung.
Was bedeutet Berliner Schnauze?
Berliner Schnauze ist die direkte, oft ruppige und trockene Art zu reden, die Berlinern nachgesagt wird. Sie meint nicht nur die Aussprache, sondern die Haltung dahinter: schnell, ungefragt, mit Witz und ohne Umschweife. Weil hinter dem rauen Ton meist Herzlichkeit steckt, spricht man auch von Schnauze mit Herz.
Heißt es Berliner oder Pfannkuchen?
Beides, je nach Region. In Berlin, Brandenburg und weiten Teilen Ostdeutschlands heißt das gefüllte Hefegebäck Pfannkuchen, im Westen und Norden Berliner, in Bayern und Österreich Krapfen, in Hessen Kreppel. Ein Berliner in Berlin ist ein Mensch, kein Gebäck. Was anderswo Pfannkuchen heißt, nennt Berlin Eierkuchen.
Welche typischen Berliner Wörter sollte man kennen?
Für den Anfang reichen ein Dutzend: icke, dit, wat, Kiez, Schrippe, Bulette, Stulle, Molle, Späti, Pfannkuchen, knorke und jwd. Dazu die Lautregeln: g wird zu j, ei zu ee, au zu oo, und aus das und was werden dit und wat. Wer die kennt, versteht den Rest aus dem Zusammenhang.
Wie backt man Berliner Pfannkuchen zu Hause?
Aus einem süßen Hefeteig, der zweimal geht, in neutralem Öl bei etwa 170 Grad schwimmend ausgebacken wird und danach mit Pflaumenmus oder Marmelade gefüllt und in Zucker gewälzt wird. Wichtig sind die Temperatur, die nicht über 175 Grad steigen sollte, und der Deckel auf dem Topf beim ersten Ausbacken, damit der helle Rand entsteht.
Wer gilt als echter Berliner?
Streng genommen jemand, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, aber Berlin war immer eine Stadt der Zugezogenen: Hugenotten, Schlesier, Ostpreußen, Gastarbeiter und heute Menschen aus der ganzen Welt. Im Alltag zählt weniger die Geburtsurkunde als die Haltung: den eigenen Kiez kennen, Pfannkuchen sagen, über die Stadt meckern und sie gegen Auswärtige trotzdem verteidigen.
Die Wörterliste gibt den heutigen Alltagsgebrauch wieder, nicht jede Schreibung ist normiert; Berlinerisch wird gesprochen, nicht geschrieben. Das Rezept ist ein Hausrezept ohne Gewähr, heißes Fett verlangt Aufmerksamkeit. Alle Links führen ohne Partnerprogramm und ohne Tracking zu den Originalseiten.